Vorwort zu Band 17, Teil 2 B
Im Zentrum des vorliegenden zweiten Teilbands zu Schönbergs Oratorium Die Jakobsleiter stehen die umfassend kommentierte Edition sämtlicher überlieferter Skizzen und Entwürfe (S. 1ff.) sowie die Entstehungs- und Werkgeschichte bis zur Uraufführung der von Winfried Zillig erarbeiteten Partitur des Fragments am 16. Juni 1961 in Wien (S. 179ff.). Enthalten sind ferner eine Edition der fragmentarischen Particellreinschrift von 1944 in einer vor allem hinsichtlich der Orchesterbesetzung revidierten Fassung (S. 163 ff.) sowie die wichtigsten Brief- und sonstigen Dokumente zur Entstehung und Rezeption des Werks (S. 218 ff.). Abgerundet wird der Band durch eine kommentierte Edition der Entwürfe zu jenen beiden Fragmenten, die mit der Genese der Jakobsleiter eng verbunden sind: das Bühnenwerk Seraphita nach Balzac von 1912 (S. 291ff.) und die großangelegte Vokalsymphonie auf fremde und eigene Texte, an der Schönberg zwischen 1913 und 1915 arbeitete (S. 301 ff.). Die zugehörigen Briefdokumente werden mit Blick auf die Chronologie im Kontext der Dokumente zum Oratorium abgedruckt.
Die Skizzen und Entwürfe zur Jakobsleiter beziehen sich nicht nur auf den in Band 17 der Reihe A vorgelegten particellmäßig ausgearbeiteten Teil bis etwa zur Hälfte des geplanten Orchesterzwischenspiels (T. 1–684), sondern auch auf dessen unmittelbare Fortsetzung sowie auf den zweiten Teil der Dichtung. Anhand der insgesamt 252 Skizzen, die in fünf Skizzenbüchern, aber auch im Kontext der Textund Konzeptentwürfe sowie als Streichung bzw. Überklebung innerhalb der Tintenniederschrift des Particells überliefert sind, läßt sich die komplexe Genese der Jakobsleiter im Detail studieren. So ergibt sich etwa aus den teils widersprüchlichen Datierungen insbesondere im IV. Skizzenbuch, daß Schönberg für längere Abschnitte zunächst die Vokalstimmen entwarf und die Ausführung des Orchestersatzes zumindest teilweise erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt vornahm. Dieses Vorgehen bot den Vorteil, daß der von der Textfülle abhängige Umfang des jeweiligen Abschnitts vorgegeben war, so daß bei der Ausführung im Detail der Blick auf das Ganze nicht verloren ging. Darüber hinaus zeigt eine genaue Untersuchung der Beschriftungschronologie, daß Schönberg die vielzitierte programmatisch- autobiographische Eintragung Einrücken zum Militär!! in Verbindung mit der Vertonung der Textzeile Dann ist dein Ich gelöscht erst nachträglich vorgenommen hat, was auf eine bewußte Inszenierung schließen läßt.
Zu dem bereits 1911 geplanten Bühnenwerk nach Balzacs philosophischer Erzählung Seraphita ist nur wenig Material – neben einem 13taktigen Particellentwurf ein detailliertes Szenarium zur 1. Szene sowie weitere Konzeptentwürfe – überliefert, obwohl es in den diversen Briefwechseln Schönbergs mit seinen Freunden und Schülern häufig thematisiert wird. Eine inhaltliche Verbindung mit der Jakobsleiter-Dichtung, die u. a. in dem später gestrichenen Titelzusatz mit Benützung einiger Ideen aus Balzac’s „Seraphita“ greifbar wird, ergibt sich in erster Linie aus dem großen Schlußmonolog der literarischen Vorlage, in dem das Leben als eine Abfolge von Reinkarnationen geschildert wird, die im Leben des Gebets als der unmittelbaren Vorstufe zum endgültigen Aufgehen der Seele in die himmlische Sphäre gipfeln.
Die projektierte Vokalsymphonie, zu der außer dem reichhaltigen Skizzenmaterial auch ein ausgedehnter Verlaufsentwurf zum Scherzo nach dem Dehmel-Gedicht Freudenruf vorliegt, ist mit der Jakobsleiter nicht nur ideell – etwa durch den bereits in einem früherem Stadium der Konzeption als Gebet geplanten Schluß –, sondern auch ganz konkret auf einer materialen Ebene verbunden. So sollte das zunächst unter der Überschrift Der Glaube des Desillusionierten geführte Oratorium als Schlußsatz der Symphonie fungieren, bevor es kurz vor Fertigstellung der Dichtung von der Symphonie abgespaltet wurde. Darüber hinaus fand das ausgedehnte Geigenthema, mit dem das zweite Trio des Scherzos in Gestalt einer Vertonung von Dehmels Gedicht Äonische Stunde beginnen sollte, Eingang in die Vokalise der „Seele“ als Teil des Ensemblesatzes, mit dem der erste Teil des Oratoriums schließt. Die Arbeiten an der Symphonie endeten im Mai 1915 mit einer Reihe von Entwürfen, die der Umarbeitung des Scherzos in einen sinfonischen Kopfsatz dienten. Die Edition bietet neben einem ausführlichen Kommentar auch einen Abdruck der Texte, die Schönberg für eine Vertonung im Rahmen der Symphonie in Betracht gezogen hatte, darunter seine eigene Dichtung Totentanz der Prinzipien.
Der besondere Dank des Herausgebers gilt allen Personen und Institutionen, die die Editionsarbeiten durch fachlichen Rat, die Bereitstellung von Dokumenten und die freundliche Beantwortung bibliographischer Fragen unterstützt haben, insbesondere Therese Muxeneder und Eike Feß (Arnold Schönberg Center, Wien), Simon Obert (Paul Sacher Stiftung, Basel), Uta Schaumberg (Bayerische Staatsbibliothek, München), Martin Peche (Antiquariat Inlibris, Wien) und Martin Schüttö (Berlin).
Blankensee, im August 2024
Ulrich Krämer